Wenn niemand sich um die Psyche schert

01.09.2021

Tags: Sonstiges, Psyche

Autor: Kathryn Davis

Wenn niemand sich um die Psyche schert

„Bildung, Wohlstand und Freiheit sind die einzigen Garantien für die dauerhafte Gesundheit eines Volkes“ (Rudolf Virchow, 1852)

Es gibt viele Gründe, aus denen sich Menschen das Leben nehmen oder es versuchen. Dazu zählen zum Beispiel psychische Erkrankung oder auch Lebenskrisen, die einem das Gefühl geben, aus einer belastenden Situation keinen Ausweg mehr zu finden. Weltweit nehmen sich jedes Jahr mehr als 800.000 Menschen das Leben.1 Das sind mehr Menschen als Einwohner in Frankfurt am Main. Aufgrund mangelhafter Registrierungssysteme in einigen Ländern, ist diese Zahl jedoch weit unterschätzt und mit einer hohen Dunkelziffer belegt. Auch die Suizidversuche sind hierbei noch nicht berücksichtigt.

In Deutschland nahmen sich im Jahr 2019 laut Statistisches Bundesamt (DeStatis) 9.041 Menschen das Leben.2 Die Zahl der durch Suizid Verstorbenen, liegt bis 2019 somit im vierten Jahr in Folge unter 10.000. Diese positive Entwicklung im Vergleich zu den vorherigen Jahren könnte durchaus ein Grund zur Freude sein und Hoffnung auf eine voranschreitende Tendenz mit Luft nach oben geben, spiegelt die Suizidrate eines Landes doch in gewisser Weise die psychische Gesundheit und allgemeine Zufriedenheit der Bevölkerung wider.

Doch da war doch noch was! Achja, die Pandemie. Fast könnte man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen:

Am 11.03.2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die COVID-19-Epidemie offiziell zur Pandemie. Zur Eindämmung dieser Pandemie verhängte die deutsche Regierung unterschiedlichste Maßnahmen. Dazu zählten die Schließung von Geschäften, Kultureinrichtungen, Schulen und Kitas, das Absagen von Großveranstaltungen, sowie die Einführung einer Maskenpflicht, Kontaktbeschränkung und nächtlichen Ausgangssperre.

Binnen kurzer Zeit hatte sich die deutsche Bevölkerung an ein eingeschränktes soziales Leben zu gewöhnen. Blöd nur, dass unter anderem genau dies – nämlich soziale Unterstützung, Verbundenheit und Interaktion – als Schutzfaktor für Suizidalität gilt.345 Hatten unsere Politiker das nicht auf dem Schirm?

Mittlerweile befinden wir uns in der vierten Welle. Maßnahmen wurden eingeführt, aufgehoben, verändert, und angepasst. Eine soziale Interaktion ist trotz vorangetriebener Impfkampagne noch immer nur eingeschränkt möglich.

Aus diesem Grund ist es besonders interessant, die Entwicklung der Suizidrate während der Pandemie etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Doch nach aussagekräftigen Daten sucht man vergebens: Offizielle Angaben (z.B. DeStatis; Gesundheitsberichterstattung des Bundes: GBE-Bund) gibt es lediglich bis einschließlich 2019.678 Angaben durch die Europäische Kommission sogar nur bis einschließlich 2018.9

Da will man sich die Augen reiben.

Eine Anfrage an das Statistische Bundesamt bezüglich der Suizidrate in Deutschland für das Jahr 2020, die im Internet zu finden ist, wurde wie folgt beantwortet: „[…] Die Daten der Todesursachenstatistik des Jahres 2020, welche auch Suizide beinhaltet, liegen leider derzeit im Statistischen Bundesamt noch nicht vor. Ab Ende August 2021 ist mit dem Vorliegen der Daten der Todesursachenstatistik für das Berichtsjahr 2020 frühestens zu rechnen. Ein exakter Veröffentlichungstermin kann diesbezüglich leider nicht prognostiziert werden. […]“.10 Könnten steigende Suizidraten im Zeitraum der Pandemie eventuell unangenehme Fragen bezüglich der auferlegten Maßnahmen zur Bekämpfung eben dieser aufwerfen? Besonders interessant wird dieses Zitat im Zusammenhang mit der bevorstehenden Bundestagswahl am 26.09.21 – will sich doch niemand vorher die Hände schmutzig machen, nicht wahr?!

Am 08.07.21 veröffentlichte DeStatis endlich Ergebnisse zu Todesursachen nach Berichtsmonaten für das Jahr 2020.11 Vorläufige Ergebnisse.

Die Folge sind nun Artikel von übermotivierten Journalisten, die lautstark proklamieren, die Suizidrate sei in Deutschland während der Pandemie nicht gestiegen: So findet man zum Beispiel einen Bericht (der sich auf den Zeitraum März und April 2020 bezieht) mit der allgemeinen Aussage, die Suizidraten vor und während der Pandemie würden sich nicht signifikant unterscheiden. Vergleiche man März 2019 und 2020, so sei sogar ein leichter Rückgang zu vermerken.12 Eine bemerkenswerte Aussage, die mit der Überschrift „Suizidrate in Deutschland während der Corona-Krise nicht gestiegen“ vor allem auf eins abzielt: den Leser in die Irre zu führen. Im oben genannten Beispiel beziehen sich die Zahlen beispielsweise lediglich auf 7 (Bayern, Nordrhein-Westfahlen, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Berlin, Saarland, und Bremen) von 16 Bundesländern. Warum die verbleibenden 9 Bundesländer nicht mit einbezogen wurden, wird nicht erwähnt. Auch spiegeln hier die Zahlen vollendete Suizide wider und beinhalten keine Suizidversuche.

Die am 08.07.21 von DeStatis veröffentlichten Ergebnisse, berichten von 8.565 Vorsätzlichen Selbstbeschädigungen. Nur eine Woche später (am 15.07.21) wurden die Ergebnisse aktualisiert und zählen nun 8.849 vorsätzliche Selbstbeschädigungen. Noch immer sind diese Ergebnisse nur vorläufig. Da bleibt nur zu hoffen, dass nicht jede Woche weitere 284 Suizide hinzukommen! Völlig unbeantwortet bleibt die Frage, warum das Statistische Bundesamt über 7 Monate braucht, um verlässliche Daten bezüglich der Suizidrate in Deutschland zu präsentieren.

Oder will man die Bevölkerung eventuell einfach nur für dumm verkaufen?

Während man durch die offiziellen Medien und auch das Robert Koch Institut täglich über aktuelle COVID-19 Fallzahlen (z.B. 7-Tages-Inzidenz oder Todesfälle) informiert wird – und das, sogar nach Bundesland aufgeteilt – scheint sich niemand um die Aufarbeitung und Aktualisierung der Suizid-Daten zu scheren. Erwähnt das Statistische Bundesamt doch selbst, dass 97% der Sterbefälle bundesweit nach vier Wochen registriert sind.13

Dieser Beitrag soll auf die psychischen Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, welche durch die deutsche Regierung verhängt wurden, aufmerksam machen.

Wenn Sie verzweifelt sind oder Ihnen Ihre Situation ausweglos erscheint, wenden Sie sich bitte an Menschen, die in solchen Situationen helfen können: Allgemeinärzte, Psychotherapeuten oder Psychiater. Eine anonyme und kostenlose Telefonseelsorge finden Sie zum Beispiel unter der Nummer 0800 111 0 111 oder im Internet unter: www.telefonseelsorge.de


  1. www.euro.who.int/de/health-topics/noncommunicable-diseases/pages/news/news/2018/09/world-suicide-prevention-day-engaging-communities

  2. www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2021/07/ PD21_327_23211

  3. Miller, A. B., Esposito-Smythers, C., & Leichtweis, R. N. (2015). Role of social support in adolescent suicidal ideation and suicide attempts. Journal of Adolescent health, 56(3), 286-292.

  4. Gonçalves, A., Sequeira, C., Duarte, J., & Freitas, P. (2014). Suicide ideation in higher education students: influence of social support. Atención primaria, 46, 88-91.

  5. Bailey, R. K., Patel, T. C., Avenido, J., Patel, M., Jaleel, M., Barker, N. C., … & Jabeen, S. (2011). Suicide: current trends. Journal of the National Medical Association, 103(7), 614-617.

  6. www-genesis.destatis.de/genesis/online

  7. www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/suizide.html

  8. www.gbe-bund.de/gbe/pkg_isgbe5.prc_menu_olap

  9. ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/tps00122/default/table?lang=de

  10. fragdenstaat.de/anfrage/suizidfalle-deutschland-2020/#nachricht-555831

  11. siehe Excel-Tabelle: www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/sonderauswertung-todesursachen.html

  12. www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Aktuelle-Statistik-So-hat-sich-die-Suizidrate-in-Deutschland-waehrend-der-Corona-Krise-entwickelt-id57332446.html

  13. siehe Excel-Tabelle: www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/sonderauswertung-todesursachen.html