Ein schweres Erbe - oder: Wenn Dystopie kein Märchen ist

10.09.2021

Tags: Sonstiges, Psyche

Autor: Steffen Kroll

Es war einmal, vor langer, langer Zeit…

…da wütete ein böses Virus auf dem Globus. Es hielt die ganze Welt in Angst und Schrecken, man hätte meinen können, sie stünde still. Ja tatsächlich hielten sogar viele Dinge still: während große Firmen ihre Mitarbeiter nach Hause schickten, drehten Gastwirte ein letztes Mal auf unabsehbare Zeit den Schlüssel im Schloss der schweren Gastwirtschaftstür, und über den leeren Schulhof wehte ein eisiger Wind der Stille.

Überall war es grau und kalt geworden, doch das hatten niemand bemerkt, denn es war nur sehr langsam passiert. Zuerst hatte man den Menschen gesagt es wäre besser, sich nicht mehr mit Fremden zu treffen, dann sagte man ihnen, auch Freunde sollten sie nicht mehr willkommen heißen, und bald schon durfte man seine Oma nicht mehr umarmen.

Vor den Fenstern wurden die Rolläden heruntergelassen; die Türen wurden abgeschlossen. So hatten es die Herrscher der Länder angeordnet.

Alles war kalt geworden, auch die Herzen der Menschen.

Noch nie hatte jemand das Virus wirklich selbst gesehen und dennoch wusste jeder wie es aussah. Ein Ball mit gefährlich langen Greifarmen. Es passte in jeden Winkel, konnte fliegen, schwimmen und kriechen. Es schien auch ein gewisses Talent für Verwandlung zu haben, denn manchmal war es giftgrün, dann wieder feuerrot oder tiefschwarz mit blutroten Flecken. So sagte man. Eigentlich war das aber egal, denn es konnte sich überall festhalten, wenn es wollte – egal woraus die Oberfläche bestand – und dort monatelang auf sein nächstes Opfer lauern. Auch wusste niemand genau was passierte, wenn man einmal Opfer wurde, aber jeder wusste, dass es schlimm war. Das hatten alle in den Nachrichten gesehen.

Doch nicht alles konnte stillstehen. Einige Dinge im Leben mussten weitergehen. Und so kam es, dass einige Bürger, nämlich die, die das Schicksal auserwählt hatte, doch ab und zu auch einmal durch die Gassen der Stille mussten. In einem großen, flatterigen, weißen Anzug schlichen sie sich aus dem Haus. Ihre Augen waren mit einer riesigen Taucherbrille bedeckt, und über ihre Hände hatten sie eine blaue zweite Haut gestreift. Je gruseliger sie aussahen, desto besser waren sie geschützt, falls sie dem Virus begegneten. Aber es gab noch weitere Techniken zu überleben. Man konnte zum Beispiel ein sauber gefaltetes Papierviereck über seinen Mund spannen, indem man es mit daran befestigten Schnüren um die Ohren wickelte. Oder aber man badete in einer besonderen Flüssigkeit. Diese Flüssigkeit, ein Gel, war so wertvoll, dass alle sie immer ganz nah bei sich trugen. Nur die Helden kamen von ihren Ausflügen zurück.

Ab und zu lugte ein Auge zwischen den Gardinen hervor. Jeder achtete darauf, dass auch die Nachbarn sich so verhielten, wie es die Herrscher vorgegeben hatten. Hinter den dunklen Fenstern redete man ohnehin selten mehr miteinander. Und wenn man es tat, dann schrie man sich an. Ein Tag verging wie jeder andere. Schon lange hatte niemand mehr danach gefragt, einen Freund zu besuchen. Was war denn überhaupt ein Freund?

Die Monate und Jahre vergingen, und die Menschen lebten Tag ein, Tag aus.

Auf den Dachböden staubten die Bücher in den Kisten ein. Darin standen Dinge über lachende Kinder, die über eine Wiese rannten, Studenten, die in ein Kino gingen, um sich dort einen Film anzuschauen, ein Pärchen, dass an einen Ort ging, um sich anzuhören, wie die Musik klingt, die aus echten Instrumenten kommt. Damals waren die noch aus Holz oder Metall oder so gemacht. Auch Gegenstände und echte Bilder konnte man sich in einem fremden Haus anschauen. So etwas nannte man damals Museum.

Aber wer möchte schon Staub von alten Büchern wischen?

Schon längst war die Erinnerung an damals zu blass geworden. Blass und leblos, wie ihre Gesichter.

…und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

– Die Frage wäre dann nur: wie?